Texte

Text zur Eröffnung der Ausstellung "Industrial Marks" im "artist´s space"

des Hotel LeMeridien in Wien 2014

 

 

 

Fotografische Spurensuche
Der Künstler Matthias Lutz

                                                                            „Wer dem Großen nicht auch im Kleinen begegnen mag,
                                                                             wird auch im Großen eher dem Kleinen begegnen“.
                                                                             Bernd Schmid


Die Kamera ist Matthias Lutz von frühester Jugend an vertraut: auf seinen Streifzügen
durch die Landschaften seiner Heimat hält er fotografisch fest, was er
vorfindet. Noch ganz unbeschwert von kompositionstechnischen oder kunsttheoretischen
Kriterien. Das Moment des Vorfindens, das immer ein magisches
ist, begleitet ihn als Triebfeder und ästhetische Grundhaltung auch in späteren
Jahren, auch in akademischer Laufbahn, auch auf anderen Gebieten. Das Studium
der Bildhauerei an der Akademie in Nürnberg lässt das Fotografieren vorübergehend
in den Hintergrund rücken, schärft aber den Blick für Oberflächen
und Materialbeschaffenheit, den Sinn für Raumverhältnisse und Bildaufbau mit
ästhetischen Parametern. Neben die streng akademische, naturalistisch-figürliche
Arbeit gesellt sich – vielleicht als spielerischer Ausgleich – das Experimentieren
mit Fundstücken. Aktendeckel, Schriftschablonen, Holz- und Metallteile,
Armaturen, Glasgefäße – Hinterlassenschaften industrieller Nutzung komponiert
er um in Collagen und Materialbilder, die teilweise in situ, also an ihrem angestammten
Ort entstehen. Die zweckenthobenen Räume alter Industrieanlagen
mit ihrer spezifischen Aura der Vergänglichkeit dienen ihm gewissermaßen als
Atelierräume auf Zeit, die Patina aus Staub und Rost wird ihm zum bevorzugten
Werkstoff. Um die temporären Arbeiten vor Ort zu dokumentieren, kommt
die Fotografie wieder ins Spiel. Der Sucher entdeckt nun aber nicht nur die
Artefakte des Künstlers sondern auch die Räume an sich: Menschen haben hier
jahrelang gearbeitet und Spuren hinterlassen, Arbeitsspuren, Gebrauchsspuren,
Schicksalsspuren. Im Schwebezustand beinahe sakraler Leere und Stille geben
die Industriearchitekturen den Blick frei auf ihre Geschichten. Matthias Lutz begegnet
ihnen mit Respekt. Er dokumentiert die Zeugen einer sich verabschiedenden
Epoche, des Industriezeitalters. Er verhilft beiläufigen Fundstücken zu
ihrem letzten großen Auftritt. Er entlockt ansonsten unbeachteten Wandflächen
überraschende Poesie. In den kleinen Dingen findet er große Geschichten von
expressiver Farbigkeit.


Peter Winkler
Magister Artium Kunstgeschichte/Theaterwissenschaften